1727 Rüdesheimer Apostelwein


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1727 Rüdesheimer Apostelwein Bremer Rathskeller

Der 1727 Rüdesheimer Apostelwein stammt aus dem sogenannten Judasfass, einem der 12 Fässer des Apostelkellers im Bremer Ratskeller. In den 1960er Jahren wurde der Wein teilweise auf Flaschen gezogen. Seitdem sind hin und wieder Flaschen in den Handel gelangt. Zuletzt wurde im Jahr 2000 eine Flasche bei Christie’s versteigert. Seit 2005 ist das Bremer Rathaus mit seinem Ratskeller UNESCO Weltkulturerbe. Der älteste Wein im Bremer Ratskeller ist ein 1653er Rüdesheimer, der im sogenannten Rosenkeller lagert. Die Weine aus dem Apostel- und Rosenkeller werden nicht mehr ausgeschenkt und auch nicht mehr abgefüllt [Quelle].

Der vermutlich älteste auf Flasche gezogene Wein, der noch genießbar war, dürfte der 1540er Steinwein gewesen sein, der Ende des 17. Jahrhunderts vom Fass auf die Flasche gefüllt wurde. Als Hugh Johnson 1961 die Flasche mit dem 420 Jahre alten Wein öffnete, war der Wein noch trinkbar, verstarb aber bereits nach wenigen Augenblicken im Glas [1].
Heute dürfte der 1727er der älteste auf Flasche befindliche Wein der Welt sein. Da 1727 Weinberge überwiegend im gemischten Satz bestockt waren, handelt es sich vermutlich nicht um einen sortenreinen Wein, sondern um eine Cuvee aus verschiedenen Rebsorten. Die Hauptrebsorte  ist wahrscheinlich Gelber Orleans, der in den Spitzenlagen des Rheingaus damals weit verbreitet war.

Wie nähert man sich einem 284 Jahre alten Wein? Zunächst einmal skeptisch, weil man bereits sehr viel jüngere Weine völlig tot erlebt hat. Gleichzeitig aber auch voller Hoffnung, weil dieser Wein in den 1960er Jahren bei der Abfüllung vom Fass auf die Flasche nachweislich noch sehr lebendig war. Aber auch voller Ehrfurcht, weil er ein Fenster in die Vergangenheit öffnet:

  • 1727 ist Johann Sebastian Bach Thomaskantor in Leibzig, seine Matthäus-Passion wird uraufgeführt
  • Georg Friedrich Händel schreibt in London die Coronation Anthems für die Krönung von Georg II
  • Isaac Newton stirbt im Alter von 84 Jahren
  • Katharina I, die erste Zarin auf dem russischen Thron, stirbt im Alter von 43 Jahren
  • Giovanni Domenico Tiepolo, der zusammen mit seinem Vater Battista 1750 – 1753 die Fresken im Treppenhaus und Kaisersaal der Würzburger Residenz malt,  wird geboren
  • England, Frankreich und Spanien regieren Nordamerika und bis zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vergehen noch fast 50 Jahre
  • Karl VI von Habsburg ist Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Erzherzog von Österreich, König von Ungarn und Kroatien, König von Sizilien und von Sardinien, seinen Anspruch auf den spanischen Thron kann er aber nicht durchsetzen
  • Die Rheingauer Winzer fahren eine ausgezeichnete Ernte ein und füllen Fässer ab, die nach Bremen verschifft werden
  • Als Goethe 1749 und Mozart 1756 geboren werden, ruht der 1727er bereits seit 22 bzw. 29 Jahre im Bremer Ratskeller

Verkostung

Er lebt! Und wie er lebt! Tief bernsteinfarben und klar steht er im Glas. Sofort nach dem Einschenken entströmt dem Glas ein intensiver Duft nach Trockenfrüchten und gereiftem Madeira, im Hintergrund melden sich florale Noten. Im Mund präsentiert sich der Wein unglaublich frisch mit einer präsenten, sehr harmonischen Säure, die die fruchtigen Noten perfekt ergänzt. Er ist trocken, aber mit sehr viel süßem Schmelz, füllt Mund und Nase bis in den letzten Winkel mit seiner eleganten Fülle. Dabei von gestochen scharfer Klarheit und Transparenz. Über Stunden hinweg entwickelt sich der Wein und wird immer komplexer, entwickelt mit Luft und Wärme Aromen, die mal an hochfeines Marzipan, mal an Backblech und Früchtekuchen erinnern, dann wieder kräuterwürzige Anklänge an Kerbel, Korianderkraut und – einer der wenigen Hinweise auf sein Alter – sehr dezent Liebstöckel. Der letzte Schluck nach ca. drei Stunden weckt bei mir Erinnerungen an mit Ingwer gespickte Lammlachse. Das leere Glas duftet auch noch nach über sechs Stunden ungeheuer intensiv.
Ein sehr komplexer und erstaunlich frischer Wein. Blind verkostet hätte ich sicher auf einen gereiften Wein getippt, aber nie und nimmer auf ein Alter von 284 Jahren. Einer der größten Weine, die ich im Laufe meines Lebens getrunken habe und mit Sicherheit der erstaunlichste. Wie soll man ein derartiges Monument mit Punkten bewerten? Im Laufe des Abends mit zunehmender Vielschichtigkeit habe ich meine Wertung von Stunde zu Stunde nach oben korrigiert: 98 – 100 Punkte.

Weitere Weine der Raritätenprobe vom 18.02.2012 in Bochum

Der 1727er war sicher das Highlight der von Uwe Bende organisierten Raritätenprobe. Es gab jedoch noch weitere, phantastische Weine. Hier ist die Liste der verkosteten Weine:

1727 Rüdesheimer Apostelwein Bremer Rathskeller
1872 Aßmannshäuser Spätburgunder
1872 ? Niersteiner Riesling
1924 Grahams Vintage Port
1926 Nuits St-Georges (Vandermeulen)
1928 Gruaud-Larose (Bethmann)
1929 Petrus (Loubat)
1934 Hattenheimer Wisselbrunn Schloss Reinhartshausen
1934 Troplong Mondot
1945 Tokayer Eszencia
1947 Vega-Sicilia Unico
1947 Cheval-Blanc (Loubat)
1947 Angelus
1947 Vosne Romanee (Vandermeulen)
1947 Chambertin (Vandermeulen)
1947 La Perriere
1949 Deidesheimer Herrgottsacker Riesling Spätlese Wzg. Rheinpfalz
1949 Erdener Treppchen feine Auslese Schönmann
1949 La Conseillante
1955 Haut Brion
1955 La Mission Haut Brion
1955 Pontet Canet
1989 Monzinger Frühlingsplätzchen Riesling Spätlese tr. (Magnum) Emrich-Schönleber
1990 Wallufer Walkenberg Riesling Spätlese tr. J. B. Becker
1990 Clos des Papes (Magnum)
2007 Joh. Jos. Prüm Wehlener Sonnenuhr Riesling Spätlese
2007 Niederberger Helden Riesling Auslese lange Goldkapsel Schloss Lieser

Das Risiko von Ausfällen bei solchen Proben ist immer sehr hoch. Um so erfreulicher, dass es aus meiner Sicht nur einen wirklichen Ausfall gab. Der 1947 Vosne Romanee korkte. Der 1934 Troplong Mondot und der 1955 La Mission Haut Brion waren auf dem absteigenden Ast, aber noch lange nicht tot.
Grandios und qualitativ mit dem 1727 auf einem Niveau sah ich den 1929 Petrus und den 1947 Chambertin. Den 1872 ? Niersteiner Riesling,  den 1928 Gruaud-Larose, den 1947 Cheval-Blanc und das 1989 Frühlingsplätzchen sah ich nur knapp dahinter. Erstaunlich vor allem der Niersteiner Riesling aus den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts. Auf sehr sublime Weise schmeckte man immer noch jene unnachahmliche Schieferaromatik, die die großen Weine vom Roten Hang auszeichnet.
Der 1872 Aßmannshäuser Spätburgunder dürfte der älteste deutsche Rotwein sein. Ihm merkte man deutlich an, dass es sich um einen sehr alten Wein handelt. Aber auch er war für sein Alter noch erstaunlich gut trinkbar, obwohl ihm jene noble, fast zeitlose Frische fehlte, die den 1727er auszeichnete.
Insgesamt eine Altweinprobe auf extrem hohen Niveau. Danke Uwe für diese großartige Probe!


[1] Hugh Johnson: Hugh Johnsons Wein-Geschichte; Hallwag Verlag, Bern und Stuttgart; 1990; S. 284.

Text und Fotos: Joachim Kaiser