Wine & Dine im Esszimmer *


[/caption]Coburg ist nun wahrlich keine Großstadt. Die Kernstadt mit seiner berühmten Burg, der Veste Coburg, hat gerade mal 26000 Einwohner, mit Eingemeindungen 41000. Aber Coburg hat einen berühmten Sohn aufzuweisen, der die europäische Geschichte maßgeblich mitbestimmt hat, Seine Durchlaucht Prinz Franz Albert August Karl Emanuel von Sachsen-Coburg-Saalfeld, Herzog zu Sachsen, Prinz-Gemahl von Großbritannien und Irland. Fast so lang wie der Name seiner Durchlaucht ist die bekannteste kulinarische Spezialität Coburgs, die Coburger Bratwurst. Mit über 30 cm ist sie längste fränkische Bratwurst und dazu noch besonders aromatisch, weil sie über getrockneten Kiefernzapfen gegrillt wird. Üblicherweise isst man sie in der Semmel, aber eine Brezn oder ganz ohne Beilage geht auch. Wir wissen, dass Albert als Prinz-Gemahl der britischen Königin Victoria die Tradition des Weihnachtsbaums aus seiner fränkischen Heimat mit nach England gebracht hat. Nicht überliefert ist, ob er sich in London ab und an eine Bratwurst über Kiefernzapfen hat rösten lassen.

Sehr viel jüngeren Datums ist dagegen ein weiteres kulinarisches Highlight in Coburg. Erst seit 2009 hat das Restaurant Esszimmer im Romantikhotel Goldene Traube in Coburg einen Michelin-Stern. Seit 2016 verteidigt Steffen Szabo den Stern, mit zarten 27 jüngster bayerischer Sternekoch. Wenn mich dann noch eine gute Freundin informiert, dass es ein 4-Gänge-Menü gepaart mit einigen meiner kalifornischen Lieblingsweine im Esszimmer geben wird, steht die Entscheidung fest: Auf nach Coburg zu Kieferzapfen-Bratwurst, Sterneküche und kalifornischen Tropfen!

Aperitif

2016 Sauvignon Blanc, Raymond R Collection (84/85)
Unkomplizierter Einstieg, eher zurückhaltender, ausgewogener und frischer Sauvignon Blanc.

 

1. Gang: Thunfisch / Avocado / Grapefruit (88/89)

Weine: 2014 Chardonnay unoaked, Monterey, Lockwood (86/87) / 2014 Chardonnay R, Raymond Vineyards (88/89)
Kombi: Chardonnay unoaked 87 / Chardonnay R 89

Sehr gelungene Zusammenstellung von dezenten Fischnoten, dem Schmelz der Avocado und der frischen Fruchtigkeit von Grapefruit. Der Chardonnay unoaked ging ganz munter mit, unkompliziert, setzte aber keinen zusätzlichen Akzent. Anders der Chardonnay R. Mehr Tiefe und mehr Dichte boten dem Gang Paroli und gleichzeitig hatte der Wein keine Mühe die Kombi auf das angenehmste abzurunden.

 

2. Gang: Zander / Senf / Kohl (92/93)

Weine: 2014 Chardonnay Carneros, Buena Vista Winery (90/91) / 2014 Chardonnay Napa Reserve, Raymond Vineyards (95/96+)
Kombi: Chardonnay Carneros 97 / Chardonnay Napa 92

Solo ist der 2013er Chardonnay Napa Reserve richtig großes Kino, gelbfruchtig, vibrierend, Salzkaramell, ganz lang. Zum Zander mit der sehr feinen Senfsoße dagegen ist der Carneros nicht zu schlagen. Die noch deutlich erkennbare malolaktische Note integriert sich perfekt in die leicht pikante Note der Senfsoße. Zander, Schmelz und Frucht des Weins und das Pikante der Soße verschmelzen zu einem sensationellen Geschmackserlebnis. Auch zum Kartoffelpüree mit den Mini-Broccolis passte der Carneros ganz hervorragend. Kartoffelschmelz, Broccolibitternis und Weinfrucht harmonierten aufs Vorzüglichste. Das kann man anders, aber kaum besser machen!

 

3. Gang: Ente / Cassis / Pfeffer (89/90)

Weine: 2013 Pinot Noir Carneros, Buena Vista Winery (91/92) / 2013 Cabernet Napa Reserve, Raymond Vineyards (94/95+)
Kombi: Carneros Pinot & Speise ohne Cassis 89 / Napa Cabernet & Speise insbesondere mit Cassis 87

Zwei ganz unterschiedliche Weine und eine Beilage, Cassiscreme, die die Angelegenheit nicht leicht machten. Der Pinot Noir, zwar kein Schwächling, aber doch eher auf der eleganten Seite: Dominante Kirschfruchtigkeit mit sehr, sehr leichter, angenehmer Schlehenbitternis. Der Cabernet mit ordentlich Power und sehr viel Frucht: Vor allem Cassis und Blaubeeren. Aber auch noch deutliche, wenn gleich sehr gut integrierte Holznoten. Mit der Cassiscreme kam der Pinot gar nicht zurecht. Ente und Jus und Pinot dagegen harmonierten sehr gut. Der Pinot ließ der Ente noch Raum ihr feines Aroma zu entfalten. Die gleiche Kombi von Ente und Jus wurde vom Cabernet dagegen richtiggehend erschlagen. Mit der Cassiscreme und der Ente dagegen freundete sich der Cabernet rasch an. Zu Lasten des feinen Entenaromas, das in dieser Kombi deutlich in den Hintergrund trat. Aber immer noch sehr gut, jammern auf hohem Niveau!

4. Gang: Hartkäse Variationen mit Früchten (88/89)

Weine: 2014 Zinfandel R Collection, Buena Vista Winery (88/89) / 2014 Zinfandel Sonoma, Buena Vista Winery (92/93)
Kombi: Zin R 88 / Zin Sonoma 90 / Käse ohne Weine, aber mit den ‘Früchten’ 90

Die Früchte stellten sich als ein Zwiebel-Kirsch-Chutney (sauer), ein Aprikosen-Curry-Chutney (aromatisch) und einen Feigensenf heraus (alle drei ohne Foto). Käse: Pecorino, Parmesan und Compte. Um es vorweg zu sagen, das war die schwächste Kombination. Alle drei ‘Früchtchen’ setzten beiden Weinen so zu, dass sich überhaupt nicht entfalten konnten. Und dabei waren beide Zins durchaus ordentliche Kraftpakete, der R etwas weniger als der Sonoma Zin. R Zin gefälliger, offener Frucht: Pflaumen, Pflaumen und etwas Brombeere und sogar ein an Anklang an Cranberry. Der Sonoma Zin dagegen mit deutlicher aromatischer Holzprägung, tiefer, nicht ganz so fruchtig und eher in die schwarzfruchtige Richtung. Man musste sich also entscheiden, Käse mit ‘Früchtchen’ oder Käse mit Wein. Und siehe da, beides geht sehr gut. Beides klassische Kombination, die den Gaumen erfreuen, mit einem kleinen Vorsprung für den Sonoma Zin.

 

Text und Fotos: Joachim A. J. Kaiser