Etikettentrinker – Weinrallye #105


 

Bordeaux & Co

 

Etikettentrinker, das ist ganz offensichtlich zweideutig gemeint.

Da sind einerseits die Trinker gemeint, die Fotos ihrer letzten Verkostung posten mit allen Premier Grand Crus┬áClass├ęs der Jahrg├Ąnge 1990, 1989, 1982, 1975, 1961, 1955, 1945, 1929, 1900 und 1899. Nat├╝rlich alle an einem Abend getrunken, mit gro├čem Genuss bis zum letzten Tropfen aus der letzten Flasche. Und die nat├╝rlich nicht vergessen darauf hinzuweisen, dass unter den gro├čen Jahrg├Ąngen der 61er einfach untersch├Ątzt ist.
Eine ganz nette Modifikation ist der Etikettentrinker, der Fotos postet, wie das obige, mit exzellent Weinen, aber nicht ganz so gro├čen Namen, wobei er dezent darauf hinweist, dass nat├╝rlich der 1928er Petrus und schon gar nicht der 1811er d’Yquem, getrunken dann und dann, bisher nicht getoppt wurde. Nat├╝rlich ohne Foto.

Ich habe mich entschlossen, Etikettentrinker fast w├Ârtlich zu nehmen. Manche Etiketten sind einfach zu auff├Ąllig. Man kommt an den Flaschen nicht vorbei, ohne zumindest einen Blick auf sie zu werfen. Von schreiend bunt bis zu aufreizenden Namen in ├╝berdimensionierten Buchstaben, es gibt mittlerweile alles.
Und es gibt die sch├Ânen Etiketten, alte, neue, einfach nur sch├Âne und die witzigen, intelligenten. Dieses hier ist eines meiner Lieblingsetiketten, wundersch├Ân, witzig und intelligent zugleich:

2003 MONASTERE DE SAINT-MONT

 

Es lohnt sich genauer hinzuschauen. Fast klassisch die Vignette mit dem Sternen ├╝bers├Ątem Nachthimmel ├╝ber dem Kloster Saint-Mont und einem Weinberg. Das Kloster gibt es immer noch, obwohl es w├Ąhrend der franz├Âsischen Revolution s├Ąkularisiert und verkauft wurde. Saint-Mont liegt malerisch auf einem Felsvorsprung ├╝ber dem Fluss Adour in der Gascogne. Erbaut wurde das Kloster auf den Resten einer r├Âmischen Siedlung, die ihrerseits auf ein keltisches Oppidium zur├╝ckgeht. Der Ort hat also Geschichte. Saint-Mont war eine Station auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela.
Das Kloster wurde von cluniazensischen Benediktinern bewirtschaftet. Wein haben die M├Ânche sicher getrunken, es ist aber h├Âchst unwahrscheinlich, dass sie auf ihren Flaschenetiketten – so sie denn welche gehabt h├Ątten – zwei bildh├╝bsche, barbusige Damen abbilden w├╝rden. Alles allegorisch nat├╝rlich, die beiden Damen sind gar keine Damen, sondern Engel, haben sie doch Fl├╝gel aufzuweisen. Komisch nur, dass deren zentrale Mitte z├╝chtig verh├╝llt ist und zudem in ein schuppiges Unterteil ausl├Ąuft, das eher an Meerjungfrauen, denn an Engel erinnert. Das Schwanzende sieht au├čerdem so gar nicht nach Flosse aus, es erinnert an Eichenlaub.

Bleibt zu erw├Ąhnen, dass der Wein trotz seiner 14.5% zwar ordentlich Kraft, aber auch eine gewisse Eleganz aufzuweisen hatte. Eine typische Cuv├ęe der Region, ├╝berwiegend aus Tannat. Der Wein machte seinem wundersch├Ânen Etikett alle Ehre!

Text und Fotos: Joachim A. J. Kaiser