40+ Destillerie Kammer-Kirsch – Ein Ausflug ins Hochprozentige


Destillerie Kammer-Kirsch in Karlsruhe

LĂ€uft man in Karlsruhe-MĂŒhlburg die Hardtstraße entlang, stĂ¶ĂŸt man auf ein StĂŒck denkmalsgeschĂŒtzter Industriegeschichte, das ehemalige GelĂ€nde der Brauerei Seldeneck. Heute beherbergt das GelĂ€nde das Kulturzentrum Tempel und die Destillerie Kammer-Kirsch.

Die Destillerie Kammer-Kirsch wurde Anfang des 20 Jahrhunderts als QualitĂ€tsoffensive des Großherzogtums Baden gegrĂŒndet. Die zunehmende Praxis ObstbrĂ€nde und -geiste mit neutralem Alkohol zu strecken, hatte zu einem drastischen Preis- und QualitĂ€tsverlust gefĂŒhrt. Badisches Kirschwasser aus den kleinen, rotschwarzen, intensiv aromatischen Schwarzwaldkirschen war ebenfalls betroffen.  Der badische Landtag beauftragte die Landwirtschaftskammer eine Lehr- und Versuchsbrennerei zu grĂŒnden, um unverfĂ€lschtes, hochwertiges Kirschwasser herzustellen und den Kleinbauern faire Preise fĂŒr ihr Obst, insbesondere fĂŒr die Kirschen zu gewĂ€hrleisten. Der ursprĂŒngliche Sitz der Firma war in Oppenau, Karlsruhe war lediglich Zweigstelle. Der Name der Brennerei leitet sich von Landwirtschaftskammer und Kirschwasser ab. Am 21. Juni 1912 wurde die Marke Kammer-Kirsch als Warenzeichen vom kaiserlichen Patentamt registriert. Somit kann Kammer-Kirsch 2012 sein 100. JubilĂ€um feiern. Heute wird Kammer-Kirsch als GmbH gefĂŒhrt. GeschĂ€ftsfĂŒhrer in zweiter Generation ist Gerald Erdrich, nachdem sein Vater Karl den Betrieb nach dem Krieg wieder auf die Beine gestellt hatte.

Alle BrĂ€nde werden zweimal destilliert. Danach haben sie Zeit in den ausgedehnten, unterirdischen GĂ€ngen und RĂ€umen der Brennerei, den frĂŒheren Eiskellern der ehemaligen Brauerei Seldeneck, zu reifen. Unter den ObstbrĂ€nden steht Kirschwasser immer noch ganz oben auf der Liste. Vom ‘einfachen’, aber hochwertigen und unverfĂ€lschten Kirschbrand hat sich die Produktpalette mittlerweile erheblich erweitert. Ein Teil der Destillate wird in Barriques aus Akazien-, Eschen- oder Kirschholz ausgebaut. SpezialabfĂŒllungen erfahren ein Finishing in gebrauchten Rot- und WeißweinfĂ€ssern, z.B. Oloroso Sherry, Portwein, Sauternes, Chardonnay, usw.
Besonders gut gefallen hat mir eine AbfĂŒllung, die ihr Finishing in gebrauchten Saint-Emilion Grand Cru FĂ€ssern erfahren hat: In der Nase ein intensives Aroma nach schwarzen Kirschen, dezent unterlegt mit feinen Noten nach Bittermandel, Vanille, Zimt und Nelken. Im Mund ebenso, ergĂ€nzt durch deutliche, aber nicht aufdringliche AnklĂ€nge an grĂŒnen und roten Paprika, rote und schwarze Johannisbeeren. Die 46% liegen warm und voll, aber nicht brennend im Mund. Sehr vielschichtig und sehr lang.

Rothaus TannenzĂ€pfle kennt jeder. Das Bier der Badischen Staatsbrauerei Rothaus AG geniest Kultstatus. Max Sachs, seines Zeichens Braumeister bei Rothaus, ist Whiskyfan. „Bier und Whisky sind Geschwister“ [Quelle] sagt er, weil sie aus den gleichen Rohstoffen Gerstenmalz, Wasser und Hefe hergestellt werden und die ersten Produktionsschritte nahezu gleich sind. Rothaus und Kammer-Kirsch sind als staatlich badische GrĂŒndungen ebenfalls Geschwister. So ist es kein Wunder, dass Rothaus nach eingehender Suche die Destillation des vergorenen Gerstenmalzes und die anschließende Reifung des jungen Whiskys in die kundigen HĂ€nde von Kammer-Kirsch legte, zumal Gerald Erdrich selbst bekennender Whiskyfan ist.
Das Ergebnis ist der Rothaus Black Forest Single Malt Whisky. Der erste Jahrgang kam nach dreijĂ€hriger Reifung 2009 auf den Markt. Die 1450 Flaschen des badischen Whiskys waren im Nullkommanichts ausverkauft, trotz des fĂŒr einen gerade mal drei Jahre alten Whiskys stolzen Preises von 50 Euro pro Flasche. Heute kostet eine Flasche der ersten Edition ein Mehrfaches, wenn denn ĂŒberhaupt mal eine auf dem Markt auftaucht. 2011 betrug die Produktion schon 6000 Flaschen und in 2012 sind etwa 10000 Flaschen zu erwarten. Eine Massenproduktion streben die badischen Whiskymacher aber nicht an. Der Black Forest Whisky soll ein rares High-End-Produkt bleiben. Zu dieser Philosophie passt auch die Edition von SpezialabfĂŒllungen. Der Rothaus Black Forest Single Malt Whisky reift ĂŒblicherweise in gebrauchten Bourbon-FĂ€ssern aus amerikanischer Eiche, ein kleiner Teil im gebrauchten Sherry-Fass. Die SpezialabfĂŒllungen erhalten ein Finishing, z.B. in gebrauchten Madeira-FĂ€ssern.
Bei der Verkostung zeigte sich der nahezu dreijĂ€hrige Whisky direkt aus den Bourbon-Fass bereits erstaunlich mild, mit Aromen von Getreide, FrĂŒchten und einer dezenten Vanillenote. Der Whisky aus dem Sherry-Fass zeigt zudem eine sehr leichte Hefenote und eine feine SĂŒĂŸe. Aus dem Madeira-Fass kommt ein Anklang an sĂŒĂŸen, in Alkohol eingelegten dunklen FrĂŒchten. Am besten hat mir das SpĂ€tburgunder-Finishing geschmeckt. Das gebrauchte Fass stammt vom Weingut Franz Keller vom Kaiserstuhl. Der Whisky hat neben den Getreide- und Vanillenoten dezente Fruchtaromen im Hintergrund, die an Brombeere, Schwarzkirsche und Heidelbeere erinnern. Vielschichtig und bereits jetzt sehr gut.

Kammer-Kirsch ist in Deutschland kaum bekannt. Die Firma hat eine hohe Exportrate und verkauft im Inland ĂŒberwiegend an den Fachhandel. Aufgrund der großen Produktpalette sind sicher nicht alle Produkte im High-End-Bereich angesiedelt. Die Top-Destillate und der Whisky brauchen aber den Vergleich mit den Besten nicht zu scheuen. So erhielt Kammer-Kirsch auf der Messe InterWhisky in Frankfurt die Auszeichnung „Germany’s Best Whisky Distillery 2011″ [Quelle]. Das Beispiel zeigt, es lohnt sch immer in der Region nach hochwertigen Produkten und Genussmitteln zu suchen.

Text und Fotos: Joachim KA. J. aiser