Naturwein – Alles Bio?


  

 

Weinrallye 51: Naturwein  

Alles Bio oder was?

Vorab: Eigentlich ist der Begriff Naturwein oder Bio-Wein oder √∂kologisch orientierter Weinbau falsch. Es gibt keinen √∂kologischen Weinbau und damit auch keinen Naturwein oder Bio-Wein, genauso wenig wie es √ľberhaupt irgendeine √∂kologische Landwirtschaft gibt. Um Weinbau betreiben zu k√∂nnen, musste die √∂kologisch nat√ľrliche Pflanzendecke des Bodens (Klimaxgesellschaft) gerodet werden. In unseren geographischen Breiten w√ľrde ziemlich rasch wieder Laubmischwald auf den allermeisten Weinbergen wachsen (Sukzession). Nur die kontinuierliche Bodenbearbeitung, also die anhaltende Zerst√∂rung der nat√ľrlichen Pflanzendecke, erlaubt den Anbau von Wein, wie bei jeder anderen Kulturpflanze auch. Nachhaltige Bewirtschaftung oder nachhaltiger Weinbau trifft es besser.

Ich bin f√ľr Bio, aber nicht gegen konventionell. Und zwar,¬†weil meiner Erfahrung nach die wirklich guten Produzenten dadurch im¬†Schnitt bessere Ergebnisse erzielen. Das h√§ngt weniger damit zusammen,¬†dass sie keine Pestizide einsetzen, sondern damit, dass sie eine¬†√ľberragende Sorgfalt an der Basis, n√§mlich an der Rebe, an den Tag¬†legen m√ľssen. Stimmt dann noch die Kellerarbeit, dann schmeckt man¬†diese Sorgfalt auch. Das hei√üt nicht, dass konventionell¬†wirtschaftende Weing√ľter immer schlechteren Wein erzeugen als¬†Bio-Weing√ľter. Produzenten, die einfach nur sauberen Wein erzeugen¬†wollen, ohne gro√üe Ambitionen auf die Oberliga, sind in der Regel mit¬†konventionellem Wirtschaften besser dran als mit Bio. Und es gibt¬†etliche Weing√ľter, die in der Oberliga mitspielen, die sehr √ľberlegt¬†konventionell wirtschaften.

Vor dem Hintergrund des zunehmenden¬†Umweltbewusstseins¬†ist die extrem lange Liste an zugelassenen¬†Spritzmitteln im konventionellen Weinbau, z.B. gegen Peronospora, zwar psychologisch wirksam, ist aber¬†kein vern√ľnftiges Argument gegen den Einsatz von Pestiziden.¬†Auch Bio-Winzer sind auf¬†Pr√§parate¬†zum Spritzen angewiesen. So sind im Bio-Weinbau z.B. Schwefel und das Schwermetall Kupfer zugelassen. Wenngleich der Einsatz von Kupfer minimiert wird, so ist er dennoch kritisch zu bewerten.¬†Ich war √ľber 20 Jahre Leiter von Laboratorien.¬†In dieser Zeit habe ich Tausende von Boden- und Wasserproben¬†untersucht. Das¬†Ergebnis¬†dieser Untersuchungen ist eindeutig:
Schwermetalle wie Kupfer verbleiben ‚Äöewig‚Äė und werden im Boden¬†nur durch Bodenneubildung, also hinzukommendes unbelastetes bzw. wenig¬†belastetes Material (Laub, Kompost, Erosion/Verlagerung, usw.)¬†verd√ľnnt.¬†Organische Pestizide, egal ob Fungizid oder Insektizid oder sonstiges¬†Zid, werden dagegen¬†biologisch und chemisch abgebaut. Alte Stoffe, wie¬†z.B. das ber√ľchtigte DDT werden sehr langsam abgebaut, aber sie werden¬†abgebaut. Neuere Wirkstoffe werden ganz hervorragend abgebaut.

Hinzu kommt, dass gerne vergessen¬†wird unter √∂kologischen Gesichtspunkten die¬†Gesamtbilanz zu ziehen. Nehmen wir als Beispiel das¬†Entkrauten im Unterstockbereich. Round Up oder maschinelles¬†Entkrauten? Da w√§re dann neben der √Ėkotoxikologie auch der direkte Energieeinsatz beim maschinellen Entkrauten mit umweltrelevanter CO2-,¬†NOx-, SOx-Belastung zu vergleichen mit dem Einsatz von Round Up. Nicht zu vergessen ¬†der Energieverbrauch, der f√ľr die Produktion der¬†Maschinen eingesetzt wurde im Vergleich zur¬†Produktion von Round Up.¬†Man kann nat√ľrlich auch 30 Polen oder Bulgaren durch den Weinberg¬†gehen lassen, aber die m√ľssen auch erst mal aus Polen¬†oder Bulgarien anreisen und zum¬†Weinberg gebracht und versorgt werden, also auch Energieeinsatz. Und¬†dann muss nat√ľrlich auch noch die Humantoxikologie bei der Anwendung¬†ber√ľcksichtigt werden. Unter Abw√§gung aller Aspekte kann man, wie dies¬†einige der besten Erzeuger tun, durchaus zu dem¬†Ergebnis kommen, dass der Einsatz von Round Up vorzuziehen ist. Dies¬†ist nur ein Beispiel daf√ľr, dass die Angelegenheit wesentlich¬†komplexer und nicht so gradlinig entscheidbar ist. Das Motto, Bio ist¬†immer besser, stimmt also nicht.

Um das Thema zusammenzufassen: Am liebsten sind mir Produzenten, die ohne ideologische Scheuklappen¬†gute Weine erzeugen, und davon gibt es einige: Bio wenn m√∂glich,¬†konventionell wenn n√∂tig. N√§mlich unter Abw√§gung von Umwelt-,¬†Gesundheits- bzw. Arbeitsschutz und – Fundamentalisten wegsehen – nat√ľrlich auch von wirtschaftlichen Aspekten.

Mehr zum Thema ist auch im Artikel Flaschenetikett zu finden.

Text und Fotos: Joachim Kaiser