Das Flaschenetikett – Überlegungen zur Deklarationspflicht


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Was muss auf dem Flaschenetikett stehen?

Immer wieder werden die Etiketten deutscher Weine als schwer verständlich und unübersichtlich kritisiert. Andere wiederum möchten noch weitere Daten als Pflichtangaben auf dem Etikett sehen, z.B. die Deklaration von Zusatzstoffen. Aktuell wurde diese Diskussion wieder aufgegriffen im Rahmen der neuen EU Verordnungen zum Weinrecht, die in Deutschland zur Zeit umgesetzt werden.

Weinproduktion heute

Die meisten Diskussionen und Forderungen gehen meines Erachtens jedoch an einem zentralen Punkt vorbei: Die Zeiten, in denen allein die Natur sowie die handwerkliche Kunst des Winzers die Qualität des Weins bestimmten, sind spätestens seit den 1990er Jahren unwiderruflich vorbei. Damit ist auch die Überschaubarkeit der möglichen Angaben, die auf dem Etikett landen könnten, verloren gegangen. Weinproduktion ist ein extrem vielschichtiger, komplexer Vorgang geworden und dadurch ist auch die Anzahl potentiell möglicher Angaben auf  dem Etikett ins Uferlose gestiegen.

Heute sind 99,8 % des produzierten Weins ein agrar- und lebensmitteltechnisches Produkt, verschärft formuliert, ein Industrieprodukt. Die restlichen 0,2 Prozent stammen in der Regel von Fundamentalisten, die keinerlei moderne wissenschaftlich-technische Erkenntnisse und Verfahren nutzen, weder im Weinberg noch im Keller. Über die 0,2 Prozent der Weine brauchen wir uns auch nicht zu unterhalten, da sie weder mengenmäßig relevant noch qualitativ erwähnenswert sind. Ab und an gibt es jedoch einen Erzeuger, einen Jahrgang, einen Wein, der aus dem Rahmen fällt. So habe ich einige 40 bis 50 Jahre alte portugiesische Weine getrunken (hier und in Portugal), die qualitativ locker mit manchem hoch bewertetem Spitzenwein mithalten konnten. Und einige wenige dieser Winzer produzieren auch heute noch nach den Methoden wie vor 50 Jahren. Dabei kommt im allgemeinen eher Mittelmäßiges raus, aber manchmal auch exzellente Qualität. Das Problem bei diesen Winzern und ihren Weinen ist fast immer die mangelnde Reproduzierbarkeit.

Fein heraus sind natürlich die Bio-Winzer, die weitgehend auf Zusatzstoffe und Spritzmittel verzichten[1]. Auf sie käme deshalb wenig oder nichts an zusätzlicher Deklarationspflicht zu. Die meisten Winzer, die heute Spitzenweine produzieren, arbeiten aber überwiegend nach der Erkenntnis, die Hans Günter Schwarz so wunderbar auf den Punkt bringt: “Aktionismus am Rebstock – Minimalismus im Keller”. Diese Winzer prüfen vorurteilsfrei und nehmen das passendste aus dem konventionellen und dem Bio-Weinbau. Sie sehen in der Regel die nachhaltige Wirtschaftsweise als erstrebenswert an und praktizieren sie in Teilen auch, sie sind aber auch offen für neue Erkenntnisse und nutzen moderne Agrar- und Kellertechnik. Sie hätten in manchen Jahren wenig, in anderen Jahren dagegen sehr viel zu deklarieren.

Auswirkungen auf die Deklarationspflicht

Vor diesem Hintergrund, dass heute Wein fast immer ein Industrieprodukt ist, macht es wenig Sinn die Deklarationspflicht auszuweiten und noch mehr Angaben auf dem Etikett zu verlangen. Was nach einem Jahr Mühe im Weinberg und Keller herauskommt, hängt letztendlich von jedem Einzelschritt ab und davon, ob dieser zum richtigen Zeitpunkt die richtige Entscheidung für oder gegen die Maßnahme oder Verfahren oder Chemikalie war. So kann es z.B. die richtige Entscheidung sein, statt eines Monopräparats gleich ein Kombinationspräparat zu spritzen. Ein guter Winzer wird darüber ein Logbuch führen. Aber soll er nun zu jeder Flasche eine mehrseitige Dokumentation mitliefern müssen, damit der aufgeklärte Verbraucher, der interessierte Journalist oder der Händler sie mit dem Nachbarwinzer vergleichen kann? Wollen wir ein Gefahrstoff-Sicherheitsdatenblatt für jede Flasche Wein?

Nicht vergessen sollte man auch, dass man Unmengen an Wein trinken müsste, um eine negative Wirkung von zugelassenen Stoffen zu bemerken. Schon lange vorher würde man allerdings an Alkoholvergiftung sterben. Das ist durchaus kein Plädoyer für den bedenkenlosen Einsatz von Spritzmitteln und Zusatzstoffen, sondern lediglich ein  Hinweis auf Prioritäten: Nach wie vor sind moderate Trinkgewohnheiten die beste Gesundheitsvorsorge, Wein sollte Genuss, kein Konsum sein! Für vorbildlich halte ich die Richtlinien des Demeter Verbandes, auch wenn ich deren Philosophie, gelinde gesagt, nicht teile.

Hinzu kommt, dass jährlich neue Präparate, Zusätze, Verfahren und Techniken entwickelt werden. Die Gesetzgebung kann da nur hinterherhinken. Nicht alles davon ist schlecht, anrüchig oder ausschließlich auf Profitmaximierung ausgerichtet. Warum sollten solche Innovationen nicht vorurteilsfrei geprüft werden können, wenn die Qualität des Weins und vor allem auch die Gesundheit des Konsumenten darunter nicht leidet, ja sogar eine Verbesserung möglich ist. Nicht umsonst hing Deutschland fast 40 Jahre der Welt-Wein-Entwicklung hinterher. Wir hatten einen zweifelhaften Ruf und Marktanteile gingen verloren im Vergleich zu anderen traditionellen europäischen Weinbaunationen ebenso wie zu den Newcomern aus Kalifornien, Australien, Südamerika u.a. Erst seit einigen Jahren, unterstützt durch junge gut ausgebildete Winzer und eine weniger starre Bürokratie, deutet sich eine vorsichtige Wende an. Insbesondere deutscher Riesling boomt und ist auf dem Weg sein verlorenes Renommee wieder zu gewinnen.

Heute ist der Weinmarkt international. Vernünftig wären wenige, verbindliche Basisangaben. Ansonsten entscheidet der Winzer selbst, mit welchen Angaben er seinen Wein vermarkten möchte. Die Angaben müssen nur richtig und durch geeignete Maßnahmen überprüfbar sein. Das kann vom Zusatz ‚Für Diabetiker geeignet’ über ‚Hergestellt ohne künstliche Pflanzenschutzmittel’ (man vermerke die exakte Formulierung) oder ‚Trauben bei Vollmond geerntet’ bis hin zu ‚Zuckerfreier Extrakt 24,3 g/l’ reichen. Was als Basisinformation zu gelten hat, bedarf natürlich der vernünftigen Diskussion und gesetzlicher Regelung (so wenig wie möglich, so viel wie nötig).

Lasst uns über all die Diskussionen über die Außenseite der Flasche nicht den Inhalt vergessen. Letztendlich zählt die Qualität im Glas:

Auf ein gutes Glas Wein!


[1] Eigentlich ist der Begriff Bio-Wein oder ökologisch orientierter Weinbau falsch. Mehr dazu im Artikel über Bio.

Text und Fotos: Joachim Kaiser